Zurück zum Text des Monats

Dezember 08

Einladung

Es ist nicht wichtig für mich, wie Du Dein Geld verdienst. Ich möchte wissen, wonach Du innerlich schreist und ob Du es wagst, der Sehnsucht Deines Herzens zu begegnen.

Es ist nicht wichtig für mich, wie alt Du bist. Ich will wissen, ob Du es riskierst, wie ein Narr auszusehen, um Deiner Liebe willen, um Deiner Träume willen und für das Abenteuer des Lebendigseins.

Es ist nicht wichtig für mich, welche Planeten im Quadrat zu Deinem Mond stehen.
Ich will wissen, ob Du Dein eigenes Leid liebevoll umarmen kannst,
ob Du durch die Prüfungen des Lebens offener geworden bist,
oder ob Du Dich zusammengezogen und verschlossen hast aus Angst vor weiterer Qual.
Ich will wissen, ob Du mit dem Schmerz - Deinem und meinem - dasitzen kannst, ohne gleich zu versuchen, ihn zu verstecken, zu überspielen oder zu beseitigen.

Ich will wissen, ob Du voller Freude sein kannst - meiner und Deiner Freude -, ob Du voller Wildheit tanzen kannst, ob Du es wagst, Dich und mich vor Ekstase beben zu lassen - von den Fußsohlen bis zu den Haarspitzen -, ohne uns zur Vorsicht zu ermahnen, zur Vernunft oder die Grenzen des Menschseins zu bedenken.

Es ist nicht wichtig für mich, ob die Geschichte, die Du erzählst, Tatsache oder Fantasie ist. Ich will wissen, ob Du jemanden enttäuschen kannst, um Dir selbst treu zu bleiben. Ob Du den Vorwurf des Verrats ertragen kannst und nicht Deine eigene Seele verrätst.

Ich will wissen, ob Du die Schönheit auch dann noch sehen kannst, wenn es nicht jeden Tag schön ist, und ob Du Dein Leben aus der Gegenwart Gottes nähren kannst.
Ich will wissen, ob Du mit all unseren Schwächen und Fehlern - meinen und Deinen - leben kannst und trotzdem am Ufer des Sees stehen bleibst und zum Silberlicht des Vollmonds hinauf rufst: "JA!!!"

Es ist nicht wichtig für mich, wo oder was oder mit wem Du studiert hast.
Ich will wissen, was Dich von innen hält, wenn sonst alles wegfällt.
Ich will wissen, ob Du allein sein kannst und in den leeren Momenten wirklich gern mit Dir selbst zusammen bist.

        von Oriah Mountain Dreamer
        (Schwitzhütten-Chief der Lakota-Indianer)

Zurück zum Anfang....



November 08

Gegenwart

Es lebte ein Mann, der war ein sehr tätiger Mann und er konnte es nicht übers Herz bringen, eine Minute seines wichtigen Lebens ungenützt vorüber zu lassen. Wenn er in der Stadt war, so plante er, in welchen Badeort er reisen werde. War er im Badeort, so beschloss er einen Ausflug nach Marienruh. So nahm er den Fahrplan her, um nachzusehen, wie man am schnellsten wieder zurückfahren könne. Wenn er im Gasthof einen Hammelbraten verzehrte, studierte er während des Essens die Karte, was man nachher nehmen könne. Und während er den Wein hastig hinuntergoß, dachte er, dass bei dieser Hitze ein Glas Bier wohl besser gewesen wäre.
So hatte er niemals etwas getan, sondern immer nur sein Nächstes vorbereitet. Und als er auf dem Sterbebette lag, wunderte er sich sehr, wie leer und zwecklos doch eigentlich dieses Leben gewesen sei.

        Victor Auburtin

Zurück zum Anfang....



Oktober 08

Selbstwerdung

Ich will den Ballast meiner Vergangenheit ablegen und mich nicht mehr von ihm beherrschen lassen. Ich werde meine Vergangenheit nicht verneinen, denn sie gehört zu mir. Aber ich werde verhindern, dass sie immer wieder meine Zukunft bestimmt. In dem Maße, wie ich reife, wird es mir gelingen, mich immer neu zu erfinden, weil die Zukunft für mich offen ist. Ich begrabe, was ich betrauert habe. Ich mache mich nicht weiter kaputt mit dem, was unabänderlich ist. Mein Augenmerk ist auf das gerichtet, was noch möglich ist. Ich wachse in der Liebe zu meinem ganz eigenen Weg, zu meinen Begrenzungen. Immer weniger schaue ich auf das, was andere haben oder können. Ich nehme mich an, wie ich bin. Ich beginne, auch in dem zu leben, was vorher Leere war. Ich bejahe das Muster meines Lebens mit seinen Ausfransungen und Löchern, mit all den Ungereimtheiten und Widersprüchen. Ich identifiziere mich mit dem, was ich bin. Ich verwünsche mich nicht mehr. Ich trete in eine Liebesbeziehung zu dem, was ich unverwechselbar bin.            

        Ulrich Schaffer      

Zurück zum Anfang....



September 08

Lebensübergänge

Gewohntes bietet uns Sicherheit. Sie ist es, die uns oft lange am Alten festhalten lässt, selbst wenn damit auch schmerzliche und einschränkende Erfahrungen verbunden sind. Und doch bilden innere und äußere Notwendigkeiten, Unruhe und Unzufriedenheit mit dem Bisherigen den Anstoß, die vertraute Form wieder aufzulösen. Wir nehmen Abschied von ihr, nehmen das Risiko auf uns, das damit verbunden ist – das Risiko, unsere Sicherheit aufzugeben. Die Grenzen, die wir ausgebildet haben, verschwimmen. Damit kommen wir in eine Phase des Übergangs, in der die alte Form nicht mehr ist, eine neue sich noch nicht gebildet hat. Wir nähern uns dem Zustand des Ungeformten, setzen uns Unsicherheiten aus, sind uns selber fremd und unbekannt. Dies mag mit Angst verbunden sein, aber auch mit Neugier und Entdeckerlust. Verdrängte Geschichten kommen an die Oberfläche, es findet jedoch auch ein intensiver Kontakt zu den eigenen Tiefenschichten statt, der „vergessenen Schätze“ zum Vorschein bringt, kreative Möglichkeiten freisetzt. Ein neues Selbst ist im Entstehen begriffen. Diese Übergangsphase ist gekennzeichnet durch die Einheit von gestalten und geschehen lassen.

        Iréne Kummer

Zurück zum Anfang....

Zurück zum Text des Monats